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Montag, 17.12.2018

Themenabend Se(h)enot Mittelmeer

In gewohnt guter Zusammenarbeit hatten die Evangelische Stephanusgemeinde Borchen und die Flüchtlingshilfe Borchen e.V. im Juni ins Stephanushaus eingeladen. Martin Kolek, Musik-und Psychotherapeut aus Delbrück und Aktivist des Rettungsbootes Sea Watch, hat an diesem Abend mit seinem ruhigen und eindrücklichen Wort-, Bild- und Filmvortrag  „Auf Leben und Tod – Se(h)enot auf dem Mittelmeer“ die rund 50 Interessierten in seinen Bann gezogen. Er berichtet: Auf einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer bleibt kein Millimeter Platz frei. Es fasst circa 160 Menschen, eng gedrängt, nur mit ihrer Kleidung, die sie am Körper tragen und mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wie groß muss die Not in ihrer Heimat sein, dass sie dieses Risiko auf sich nehmen?

Eigentlich sitzen alle Menschen auf diesem Planeten in einem Boot. Ist alles eine Frage der Perspektive? Martin Kolek zeigt Bilder und kurze Videos, die mitnehmen in die Welt der Seefahrt. Auch auf dem Meer, „das sich nicht für die Menschen interessiert“, so Kolek, gebe es diese verschiedenen Perspektiven.

Martin Kolek berichtet von einer Atlantiküberquerung, gut vorbereitet und technisch bestens ausgerüstet, während Berichte über gekenterte Fluchtboote ihn schließlich dazu bringen, im Mai 2016  auf der Sea-Watch2 zusammen mit neun anderen Männern und drei Frauen, alle sind Freiwillige, im Suchgebiet etwa 25 Seemeilen vor der libyschen Küste als 1.Offizier im Einsatz zu sein. Kolek zeigt den Hafen: deutlich zu sehen der Unterschied zwischen den NGO-Rettungsschiffen, zum Teil ausrangierte Küstenwachschiffe, nur mit harter körperlicher Arbeit zu betreiben oder sogar gar nicht mittelmeertauglich, und den technisch bestens zur Beobachtung ausgerüsteten Militärschiffen, die nicht zum Retten von Menschen gebaut sind.

Martin Kolek vermittelt Eindrücke vom hohen Wellengang auf dem Mittelmeer, von der guten Zusammenarbeit der Sea Watch-Crew und der Achtsamkeit füreinander, vom genau geplanten Tagesablauf auf dem Schiff. „Auf See ist es Gesetz, sofort zu der Stelle zu fahren, wo sich ein Schiff in Seenot befindet“, so Kolek. Die Seerettung wird von der Seenotrettungsleitstelle in Rom für die Seegebiete um Italien (MRCC) koordiniert. Es kann Stunden dauern, bis ein Schiff die Position eines Bootes in Seenot erreicht. Und taucht auf dem Weg dahin noch ein sinkendes Gummi- oder Holzboot auf, muss die Crew entscheiden, was zu tun ist.

Ein Film zeigt, wie die Sea Watch2 alle Bootsinsassen aufnimmt, Männer, Frauen, Kinder, Schwangere, alle barfuß, dürftig bekleidet, verletzt, viele mit Verätzungen. Viele Leichen schwimmen in Sichtweite, als das sinkende Holzboot erreicht wird. Martin Kolek holt nacheinander zwei Säuglinge aus dem Wasser, hält sie bis zur Übergabe an ein Küstenwachschiff im Arm. Stille bei der Übergabe.

Nach einer kurzen Pause gibt es Gelegenheit zum Austausch, der begleitet wird von Martin Kolek, Gastgeberin Pfarrerin Sabine Sarpe, Gemeindereferentin Elisabeth Frewer (Pastoralverbund Borchen), Pfarrer Veit Zschiesche (Christengemeinschaft Schloss Hamborn), Emin Özel (Vorsitzender der Paderborner Moscheen) und Presbyterin Meike Strathoff: „Warum wird von den europäischen Medien nicht über die Not auf dem Mittelmeer berichtet? Warum prägt sich Martin Kolek die Gesichter der Ertrunkenen ein? Warum gibt er ihnen Namen, sucht ihre Gräber auf, sucht aber auch nach Überlebenden. Was macht das Menschsein eigentlich aus? Warum begraben wir Tote? Was können wir hier vor Ort tun? Was haben wir schon erreicht und was wünschen wir uns?“ Gemeindepfarrerin Sabine Sarpe schließt den Abend mit einem Segenswunsch und mit der gemeinsam gesungenen Bitte „Herr gib uns Deinen Frieden“.

Von wo kommt eigentlich der Wind? Nur bei Südwind begeben sich Menschen in überfüllten Booten von der libyschen Küste aus auf die gefährliche Überfahrt in ein neues Land, in dem Menschen in Wohlstand und Sicherheit leben. Martin Kolek nennt sein Tun „mission possible: Hinschauen-Erkennen-Entscheiden-Handeln“. Vielen Fragen, aber auch der Gewissheit, dass etwas Neues entsteht, geht er in seinem Buch „Neuland“ nach. Seinen nächsten, schon bald beginnenden Einsatz auf der Sea Watch werden die Teilnehmenden des Abends mit guten Gedanken begleiten!
                                       Martina Flüter